Mit Jamilah im
Mythenquai

20. November 1965,
Japan

1983
Text und Bilder
Robert Pfeffer
8180 Bülach
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Ob er wirklich der
stärkste Aussersihler ist, wissen wir nicht. Die
Bezeichnung erinnert mich an ein anderes Aussersihler
Original, den Schuhmacher Joseph Herzog, der sich einmal
"Hans Sachs" und später "Rasputin" nannte.
Ruedi wurde am 13.
Mai 1945 in Zürich geboren. Aufgewachsen ist er in
Zürich-Aussersihl an der Schreinerstrasse 52, genau
dort wo auch ich aufgewachsen bin. Laut Ruedi sind
Seppli
Pozzi
und ich seine besten Jugendfreunde. Gar manchen
Jugendstreich haben wir zusammen erlebt.
Nach einer Lehre
als Bäcker wollte er etwas von der Welt sehen. Als
Autostopper bereiste er zuerst Europa, später, in den
Jahren 1963-66 umrundete er die Welt. Auf dieser Weltreise
übte er sich in verschiedensten Jobs, vom
Tellerwäscher bis zum Hot Dog Verkäufer in
Tokio.
Nach der Weltreise
arbeitete Ruedi als Masseur und Rausschmeisser in diversen
Etablissements.
1974 heiratete er
Jamilah aus Malaysia, die ihm zwei Kinder schenkte, Albert
und Sandro.
Seit Jahren
interessiert an Sport, besonders Body-Building,
eröffnete Ruedi im Herbst 1976 seinen eigenen Sportclub
an der Schreinerstrasse 60. An der ersten
Bankdrückmeisterschaft im Februar 1977 gewann der Club
alles was zu gewinnen war.
Albert und Sandro
wurden von ihrem Vater eifrig trainiert und auf Sport
getrimmt. Der zehnjährige Sandro gewann eine Wette bei
Kurt Felix im Teleboy. Ruedi ist wahrscheinlich in allen
namhaften Fernsehshows aufgetreten mit Nägelbrechen und
dem Zerreisssen von Telefonbüchern.
Im März 1995
schrieb Ruedi seine Lebensgeschichte handschriftlich nieder.
Mit Fotos illustriert kopierte er sein "Werk", um es quasi
im Eigenverlag zu verkaufen. Immerhin wurde dem Buch eine
"Kritik" im Tagi gewidmet.
Im November 1997
erlitt Ruedi einen schweren Hirnschlag. Ein unglaublicher
Schicksalsschlag für die Familie, die immer noch an der
Schreinerstrasse 52 lebt. Ruedi lag drei Tage im Koma,
erwachte als Teilgelähmter der weder sprechen noch
gehen konnte. Im Frühjahr 1999 war die Familie zu Gast
in Röbi Kollers Sendung Quer. Der stärkste
Aussersihler, mein Jugendfreund, als 24-Stunden-Pflegefall!
Ich traute meinen Augen nicht. Ruedi gab nicht auf.
Unbeirrt, mit unbeugsamen Willen lernte er wieder sprechen
und gehen. Am 16. August 1999 konnte er mich anrufen und mir
erzählen, dass er bereits wieder 50 Liegestützen
macht. Bravo!
Erfreuliches
Am 24.3.2000 berichtet der Zürich Express über
Rudis erstaunliche Heilungsfortschritte: "Ruedi ist fast
wieder der Alte". Am selben Tag wird erneut eine
Aufzeichnung in Quer gezeigt, wo Ruedi Telefonbücher
zerreisst wie in alten Tagen. Sein Ueberlebenswille ist
bewundernswert, aber er wird nie mehr ganz der Alte sein.
Davon bin ich überzeugt.
Nachdenkliches
Am Abend des 24. März 2000 ist nun Ruedi mitsamt
Familie zum zweiten mal im Quer aufgetreten. Man sprach von
Erfolg, Comeback, Willen, Liegestützen und zerrissenen
Telonbüchern. Keine Silbe von Therapie,
Heilungschancen, Risiken, Pflegearbeit, Krankenkasse,
Lebensunterhalt, Rente oder ähnlichem. Lieber
hätte ich Ruedi zusammen mit Aerzten in der Sendung
Puls oder Gesundheit Sprechstunde gesehen.
Besuch im
Frühling 2001
An einem Samstagmorgen läute ich an der
Schreinerstrasse 52 bei Walters. Jamilah öffnet das
Fenster im ersten Stock. Sie muss Ruedi fragen, ob er mich
sehen kann. Das scheint mir kein gutes Omen zu sein. Ruedi
liegt im abgedunkelten Zimmer auf dem Bett. Zwanzig oder
mehr Jahre älter. Im Gegensatz dazu wirkt Jamilah,
seine Frau, jugendlich wie eh und je, sie könnte seine
Tochter sein. Heilungsfortschritte sind nur schwer
auszumachen. Sicher spricht er fliessender und kann sich
besser ausdrücken als vor einem Jahr. Seine
denkfähigkeit ist erstaunlich klar und rasch. Ruedi
erzählt, dass er Hoch und Tiefs hat. Mal trainiert er
Liegestützen, mal mag er nichts tun. Gehen bereitet ihm
immer noch Mühe. Jamilah bemerkt, dass Ruedi Pflege
braucht rund um die Uhr. Zum Glück sind die Söhne
Albert und Sandro zu Hause und helfen wo sie können. In
nachdenklicher Stimmung breche ich nach einer Stunde
auf.
Besuch am
14.3.2003
Am Vortag hat mir Ruedi eine Karte zu meinem Geburtstag
geschickt. Am Freitagabend besuche ich die Walters an der
Schreinerstrasse. Ruedi überrascht mich mit seiner
lebhaftigkeit, er ist wesentlich besser zwäg als vor
zwei Jahren. Die Fortschritte sind unübersehbar und er
freut sich wie ein Kind über meinen Besuch. Ja, man
fragt sich, wo sind all' die Jugendfreunde geblieben. Bin
ich der einzige der ihn zu Hause noch besucht? Vielleicht
wird er doch wieder ganz der Alte.
15.4.2004
Immer das gleiche Ritual. Ich läute unten die
Hausglocke und schaue nach oben zum 1. Stock bis sich ein
Fenster öffnet. Heute ist es Jamilah:"Oh, hallo Robert,
wie gehts?" Kein Problem, so lange ich auf einem Töff
sitzen und Gas geben kann, geht es mir gut. Ich frage nach
Ruedi. Jamilah zieht sich zurück, Ruedi will immer
zuerst gefragt werden, bevor er Besuch empfängt. Es
dauert ein Weilchen, ich denke es wird nichts. Es ist auch
schon bald Mittag. Ruedi selbst kommt ans Fenster. Er ruft
lautstark in die Schreinerstrasse, "Ich bin am Essen. Ciao!
Noch zehn Jahre haben wir, denk dran! Verstehst Du, zehn
Jahre!" Ich versuche ihn zu unterbrechen, "Ruedi, dein
Geburtstag, Du wirst 60 nächsten Monat". Er winkt ab.
"No zä Jahr, verstasch!" Nein, ich verstehe es nicht
ganz.
13.5.2004
Ruedi wird 60! Herzliche Gratulation! Auch im Tagi wird dem
Jubilar gratuliert.
Besuch am
13.3.2005
Der beste Ruedi seit Jahren! Er hat nochmals sichtbare
Fortschritte gemacht. Seine Sprechfähigkeit scheint
vollumfänglich wieder da zu sein. Und er ist
aufgestellt! Er erzählt lebhaft von den
Bankdrück-Meisterschaften die ihm und Albert
Schweizermeister-Ehren einbrachten. Auch nach sieben Jahren
ist er noch gezeichnet vom Schicksalsschlag im November
1997. Doch es besteht Hoffnung, dass sich sein
Gesundheitszustand weiter bessert und er fast wieder ganz
der Alte wird.
Besuch am
28.3.2008
Ruedi bekräftigt es nochmals, mindestens 70 will er
werden. Vielleicht sogar 80. Geistig ist er der Alte
geblieben mit messerscharfem Langzeitgedächtnis. Beim
Gehen hat er Mühe, nur langsam und mit grosser
Konzentration geht ein Fuss vor den andern. Noch ist er
voller Tatendrang. Morgen Sonntag fährt die ganze
Familie Walter nach Dachau bei München, um in einer
Fernsehshow mitzuwirken. Kein Zweifel, die Walters werden
den Telefonbüchern und 100er Nägeln den Garaus
machen. Ruedis graue Katze beschnuppert und beleckt mich
minutenlang. Die ganz grosse Freude der Familie ist die
erste Enkelin, Sandros Tochter, geboren im letzten
August.
Ich erzähle, dass Richard Widmark mit 93 gestorben ist.
Ruedi, wie aus dem Colt geschossen: "Todeskuss mit Victor
Mature, haben wir im Roxy gesehen!" Unglaublich, sein
Gedächtnis, und er ergänzt, "Ich war zehn Jahre
nicht mehr im Kino, aber vor zwei Wochen war ich mit Albert
im Roxy und wir haben uns Rambo angesehen." Das Roxy
zwischen Stauffacher und Sihlporte hat natürlich
längst seinen Namen geändert aber für uns
alte Aussersihler ist es immer noch das Roxy. Genauso wie
das Kosmos immer das Komos bleiben wird. Ciao Ruedi, bis zum
nächsten Besuch.
Besuch am
27.7.2009
Ruedi ist nun 65 und pensioniert. Kein Grund nicht weitere
Weltrekorde aufzustellen. Freudig erzählt er, dass er
erst kürzlich einen Weltrekord im Telefonbuchzerreissen
für über 65 jährige aufgestellt hat.
An diesem heissen Julitag treffe ich Ruedi in den Badehosen
im Wohnzimmer an. Braungebrannt, muskulös, wie Tarzan
als Rentner. Er war gerade eine Stunde schwimmen mit Albert
im Schanzengraben. Es gibt also die archaische Badi im
Schanzengraben noch? Dort wo wir vor mehr als fünfzig
Jahren unsere Bubenstreiche abzogen. Es war nicht einfach,
im Wasser unter den Holzstegen einen Schwärmer mit
Zeitzünder explodieren zu lassen.
Die Walters waren auch in den Ferien, in Jesolo wie jedes
Jahr. Ruedi fragt wo ich mit dem Töff war. Dann
erinnert er sich an eine Töfffahrt nach Boniswil zu
seiner Tante. Das war 1965 als ich meinen ersten Töff
hatte - und Ruedi keinen Helm. Sein Langzeitgedächtnis
ist geradezu unheimlich. Er kann sich an unzählige
Einzelheiten unserer Kindheit und Jugend erinnern die bei
mir schon längst weg sind.
Leider hat sich sein Zustand verschlechtert. Ruedi braucht
eine Gehilfe. Sein linkes Bein will nicht mehr und seine
Füsse sind geschwollen. Ich wünschte ihm er
würde sich über all die Jahre wieder erholen. Ciao
Ruedi, halt noch einige Jahre durch!
Telefon am
25.5.2010, 17.30
Es ist Jamilah. Ruedi ist heute gestorben.
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