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Routes des Grandes Alpes/F
Touren

Auf der "Route des Grandes Alpes" 1992 - 2015

  • Die schönsten Pässe und Schluchten Frankreichs

Vor sieben Jahren unternahm ich mit meinem damals siebzehnjährigen Sohn Peter auf dem Sozius eine Tour nach Savoyen und Hochsavoyen. Die faszinierenden Bilder der Tour de France am Fernsehen hatten in uns den Wunsch geweckt, bekannte Schauplätze der Tour zu besuchen. Die vierzig Rösser der Yamaha SRX trugen uns unter vielen andern auf den Col du Galibier und zur Alpe d'Huez hinauf. Heuer, oder 50'000 SRX-Kilometer später, durfte ich mit dieser grandiosen Landschaft im Südosten Frankreichs Wiedersehen feiern. Hundert Rösser stehen diesmal zu meinen Diensten, nur Peter ist nicht dabei.

Kurz nach acht Uhr morgens, bei Kilometerstand 68'258, erwacht die VFR leise brummend zu ihrem metallischen Leben. Der Tag beginnt mit einer langweiligen Fahrt auf der Bahn von Bülach nach Bern-Lausanne-Montreux. Kurz vor Evian halte ich erstmals an, um zu tanken. In Evian baden die Leute im See während es mir im Leder langsam warm wird. Kühle Bergluft wo bist du?

Bis zum ersten Pass, dem Col de la Colombière sind es noch über 100 Kilometer. Allerdings sehr kurzweilige, denn es gilt vorerst die Kurven der Gorges du Pont du Diable zu meistern. Andere Verkehrsteilnehmer meistern die Schlucht auf den Wassern der Dranse per Gummiboot. Der Colombière wie auch der folgende Col des Aravis erwarten mich mit frischer Bergluft, vielen Kurven und noch mehr Ausflüglern. Es ist Ferienzeit und zugleich Samstag. Erst am dritten Pass, dem Cormet de Roselend wird es ruhiger. Die Strasse ist schmal, keine Leitlinie und zwei PWs können kaum kreuzen. Auf der Passhöhe braust ein deutscher ZRX-Fahrer auf mich zu: "Hast du eine Varadero mit weissem Helm gesehen?" Varaderos habe ich zwei oder drei gesehen, aber wo? Ein weisser Helm? Der Gute hat seinen Kollegen verloren, leider kann ich ihm nicht helfen. Er macht abrupt rechtsumkehrt und fräst zurück in die Richtung von wo er gekommen ist.

Um halb sieben steuere ich in Bourg-St-Maurice eine Auberge an. Auf meine Frage nach einem Zimmer lacht die Wirtin, "Auberge", das sei nur ein Name, Zimmer hätten sie schon, aber nicht für Gäste. Sie verweist mich ans "Vanoise" gleich gegenüber wo ich für FF 330. - ein Zimmer samt Abend- und Morgenessen bekomme. Beim Abendessen avanciere ich unfreiwillig zum Übersetzer eines älteren deutschen Ehepaares, das mit einem Enkelkind unterwegs ist.

Das Frühstück wird bereits ab Sieben serviert, so bin ich kurz vor Acht bereits in Richtung Val d'Isère unterwegs. Ein nächtliches Gewitter hat Luft und Strassen gereinigt. Das Verkehrsaufkommen ist spärlich, das Tal erwacht erst. In Val d'Isère drückt erstmals die Sonne durch die Wolkendecke. Mountainbiker bezwingen noch keine Berge, sie sind im Trainer unterwegs, eine Hand am Lenker in der andern Baguette und Zeitung. Den Col d'Iséran bezwinge ich im Alleingang. Bei den Wegweisern auf der Passhöhe sind bereits zwei deutsche Biker die sich gegenseitig ablichten.

Col de l'Iseran

15. Juli 2013

"Passmässig" ist heute die Königsetappe. Auf der N6 düse ich bei zunehmendem Sonntagsverkehr gegen St-Maurice-de-Maurienne, um dort nach Süden auf die D902 abzubiegen. Schon ist man am Col du Télégraphe der mit seinen 1'566 Metern für die Radtouristen eine Art Vortraining zum folgenden Galibier ist. Dieser ist gut tausend Meter höher und stellt entsprechend hohe Ansprüche an die Kondition von Velofahrern. Auf der Passhöhe des Galibier ist kaum Parkplatz vorhanden. Im Gedränge muss ich die VFR vorwärts in starkem Gefälle parkieren. Trotz eingelegtem ersten Gang wage ich kaum abzusteigen.

Die zwei nächsten Pässe, der Col d'Izoard und der Col de Vars sind ebenfalls über zweitausend Meter hoch. Je weiter ich gegen Süden vorstosse, je weniger Verkehr auf den Pässen. Nur deutsche Biker trifft man auf jedem Hügel.

zwischen Galibier und Izoard

13. Juli 2015, zwischen Galibier und Izoard

Am späteren Nachmittag kann ich den buchstäblichen Höhepunkt des Tages in Angriff nehmen, den Cime de la Bonette. Mit 2'802 Metern ist er Europas höchste asphaltierte Passtrasse. In langen Serpentinen windet sich die Strasse den kahlen Berg hoch. Man wundert sich, dass die Strasse auf den Geröllhalden nicht abrutscht. Die eigentliche Passhöhe ist knapp 2'800 Meter hoch, aber in den Jahren 1961-63 wurde eine Runde um den Gipfel angelegt die etwas höher als die Passhöhe reicht.

Bonette

13. Juli 2015, Cime de la Bonette

Es wäre müssig auf jedem Pass von den Kurven, Schräglagen und Panoramen zu schwärmen. Die französischen Alpen sind das Töffparadies schlechthin. Gendarmen oder Radar glänzten auf der ganzen Tour durch Abwesenheit. Die meisten Pässe haben keine Mittellinien, es liegt ganz bei dir, wann und wo du überholen willst. Runzeln und Wellen in der Strassenoberfläche sorgen auf natürliche Weise, dass die Höchstgeschwindigkeiten nicht ins uferlose ausarten.

Von St-Saveur-s-Tinnée, immer noch auf der Route des Grandes Alpes, sind es nur noch etwa sechzig Kilometer bis Nizza. Die Route biegt hier ab nach Westen auf die D30. Die Strasse zieht sich in einer unglaublichen Schlucht den Berg hoch. Ja, Berg? Da hatte ich doch gar keinen eingeplant. Es ist aber so. Den Col de la Couillole, immerhin 1'678 m, hatte ich auf der Karte übersehen. Nehmen wir den halt auch noch. Ein Nachtlager finde ich in Beuil im Hotel d'Escapades. Das Zimmer kostet FF 230.- und das Viergang-Nachtessen FF 100.-, FF 330.- scheint hier in den Alpen ein Einheitspreis zu sein.

Frühstück wird im Escapade erst ab acht Uhr serviert. Das ist natürlich viel zu spät. Also verzichte ich auf das Croissant und den Kaffee. Bei 11° Celsius um 7:25 verlasse ich das Dorf in Richtung Guillaumes. Dort schwenke ich nach Süden in die eindrucksvolle Gorges de Daluis. Die Strasse zwischen Guillaumes und Daluis verläuft kurvenreich hoch über dem Wasser des Var. Die Felsen der Schlucht sind aus rötlichem Schiefergestein.

Schluch des Daluis

Heute Montag steht der Grand Canyon de Verdon im Mittelpunkt. Ab Castellane folge ich dem Lauf der Verdon bis Pont-de-Soleils. Hier muss man sich für die Rive Gauche oder die Rive Droite entscheiden. Das sind die Uferstrassen, die links oder rechts entlang der Schlucht verlaufen. Ich wähle die linke oder südliche Strasse.

Der Verdon, ein Nebenfluss der Durance, hat im Gestein der Plateaus der Haute Provence herrliche Schluchten gegraben, die in Europa einmalig sind. An verschiedenen Aussichtspunkten offenbart sich die Schlucht in ihrer einmaligen Schönheit. Bei den Balcons de la Mescla lege ich den ersten Halt ein. Von diesen Felsterrassen fällt der Blick auf die 250 m tiefer gelegene Mescla, den Zusammenfluss von Verdon und Artuby. Mein Verstand steht still, wie ich einen Opa beobachte der einen etwa fünfjährigen Buben auf die Brüstung eines Balkons setzt. Er hält ihn zwar mit beiden Armen fest, aber muss das sein. Kann man derart dumm oder leichtsinnig sein? Um die Mittagszeit ist die grossartige Südstrasse abgefahren, nun will ich noch die Nordstrasse sehen. Diese ist in weniger gutem Zustand als die Südroute. Trotzdem komme ich gut voran, auch wenn mich zwei Berner Kasis aus dem Hinterhalt überfallen und stehen lassen.

Entlang des Grand Canyon de Verdon

Rive gauche

Die Aussichtspunkte sind hier alle mit Belvedère ... bezeichnet. Besonders eindrucksvolle findet man an der Route des Crêtes. In einer Kurve am Rand der Schlucht stehen dicht gedrängt die Zuschauer und starren in die Tiefe. Da scheint es ja was gratis zu geben, also halten wir mal an. Tatsächlich, ein Gratis-Blick auf zwei Freeclimber in der senkrechten Felswand. Sie befinden sich nur noch etwa 50 m unterhalb der Krete. Andere üben ein wenig und lassen sich durch Kollegen gesichert ein paar Meter die Tiefe abseilen. Ich schätze die Schlucht ist dreihundert Meter tief oder mehr. Es ist nicht zu fassen, da sitzt schon wieder ein Kindergärtner auf der Brüstung. Und der wird von niemandem gehalten, sitzt allein rittlings auf Mauer und hält sich an einer Geländerstange fest. Ich versuche ihm klar zu machen, dass dies "très dangereux" ist. Nur zögernd kommt er von seinem Logenplatz herunter. Von seinen Eltern keine Spur!

Grand Canyon de Verdon

Ich halte nun nordwestwärts zu, nach Manosque und Sisteron. Die D946 bringt mich ab Sisteron durch die einsame verlassene Gegend des Montagne de Lure. Kurz vor Sieben erreiche ich Aurel, fünf Kilometer vor Sault, dem Ausgangspunkt der Strasse auf den Mont Ventoux. Das Zimmer im Relais du Mont Ventoux kostet, genau, FF 230.-. Der Wirt hat mal in Deutschland gearbeitet und spricht ganz leidlich Deutsch. Mit Blick auf mein ZH-Schild meint er, dass hier nur wenige Zürcher vorbei kommen, und die sprechen kein Französisch. Nun, ich eigentlich auch nicht.

Besonders ereignisreiche Tage veranlassen mich vor dem Einschlafen zum Tagträumen. Kindergärtner stürzen in die Schluchten des Verdon, Sozias winken, Berner Kasis heulen vorbei und die Kurven fliegen in einer endlosen Folge auf mich zu ...

Dienstagmorgen. Wieder mal kein Frühstück, die Schlafmützen servieren kein Petit Dejeuner vor Acht. Zu der Zeit könnte ich ja bereits auf dem Mont Ventoux sein. Bin ich aber nicht, statt dessen in einem Kaff dreissig Kilometer in der falschen Richtung. Nun denn, fahren wir halt zurück.

Der pyramidenförmige Mont Ventoux mit seinem kahlen Gipfel ist die höchste Erhebung der Provence. Die Fahrt zum Gipfel ist einer der schönsten Ausflüge, die man in der Provence machen kann. Der Mistral bläst hier besonders heftig und es ist im Durchschnitt 11° kälter auf dem Berg als in der Ebene.

Ich halte unterhalb des Gipfels beim Gedenkstein für Tom Simpson. Der Radprofi Simpson starb an dieser Stelle am 13. Juli 1967 während der Tour de France. Erneut bin ich erschlagen, ob der vollkommenen Blödheit einiger Zeitgenossen. Die kleine Gedenkstätte ist zur Abfallgrube verkommen! Dutzende haben leere Bidons, defekte Pneus und anderen Mist deponiert. In seltener Respektlosigkeit haben einige gar den Stein mit ihren Klebern verunstaltet. Der grösste Kleber stammt ausgerechnet aus der Schweiz: IRONMAN SWITZERLAND Zürich 1. August 1999.

Auf der Passhöhe herrscht noch Ruhe, die Souvenirläden sind geschlossen und erst ein einziger Velofahrer ist angekommen. Auf die Sauerei bei Tom Simpsons Memorial angesprochen, zuckt er resigniert die Achseln. Der Rundblick von hier oben auf 1'900 Meter ist phänomenal. Bei klarer Sicht reicht das Panorama von den Pyrenäen bis zu den Alpen.

Gegen zehn Uhr stellt sich auf der Passhöhe Betrieb ein. Ein erster Kiosk ist offen und es treffen in loser Folge weiter Velofahrer ein. Über den Nordhang düse ich talwärts nach Malaucène und weiter nach Vaison-La-Romaine.

Eigentlich bin ich schon auf dem Heimweg. Aber es ist noch nicht aller Pässe und Schluchten Abend. Vorerst führt der Weg mitten durchs Vercors, dem grössten Voralpenmassiv. Das bedeutet weitere Kurven, Schluchten und Pässe. In Die an der D93 versuche ich ein Cola und ein Sandwich zu bestellen. Die charmante Wirtin winkt ab, keine Sandwiches. Entweder Menu du Jour, Plat du Jour oder Crêpes. Ich wähle die Tagesplatte mit Cola. Hört sich harmlos an, ist aber ein Viergang-Menu bestehend aus Vorspeise, Hauptgang, Käseteller und Dessert. Das ganze samt Cola und Kaffe zu FF 70.- und obendrein eine unentgeltliche Bestrahlung mit dem Charme der Chefin.

In Grenoble finde ich nur mit Mühe die D512, die über den Col de Porte ins Massiv de Chartreuse führt. Eine letzte Irrfahrt am Westufer des Lac du Bourget und ich nähere mich in St-Julien-en-Genevois helvetischen Gefilden. Und immer dasselbe Theater wenn man aus Frankreich zurück in die Schweiz kommt. Jedes Schild und jede Weisung ist pingelig genau einzuhalten, sonst ...
Vive la France!

Um Mitternacht bei Zählerstand 70'401 km bin ich zu Hause. Selbstredend musste man kurz nach Bern noch das Regenkombi montieren. Petrus wird sich halt bei uns sehr pingelig an Anweisungen von "Oben" halten.

Am Mont Ventoux

Am Mont Ventoux

Touren-Info
Tourenziel: Französische Alpen, Grand Canyon du Verdon, Mont Ventoux
Distanz, Dauer: 2'100 km, 5 Tage
Reisezeit: Sommer
Einreiseformalitäten: Pass oder ID

Mont Ventoux

Mont Ventoux

Strecke
1. Tag: Zürich Bern Montreux Evians-les-Bains Thonon-les-Bains Morzine Cluses Scionzier Col del la Colombière St-Jean-de-Sixt La Clusaz Col des Aravis Flumet Col des Saisies Cormet de Roselend Bourg-St-Maurice

2. Tag: Val d'Isère Col de l'Iséran Lanslebourg St-Michel-de-Maurienne Valloire Col du Télégraphe Col du Galibier Briançon Cervières Col d'Izoard Guillestre Col de Vars La Condamine Jausiers Cime de la Bonette St-Etienne-de-Tinnée Isola St-Sauveur-s-Tinnée Beuil

3. Tag: Guillaumes Gorges de Dalius Annot Col de Toutes Aures Castellane Pont-de-Soleils Rive Gauche Comps-s-Artuby Grand Canyon Moustiers Rive Droite Moustiers Riez Valensole Manosque Sisteron Noyers-sur-Jabron Montbrun-les-Bains Aurel

4. Tag Sault Mont Ventoux Malaucène Vaison-la Romaine Nyons Rémuzat La Motte Die Pont de Quart Châttilon-en-Diois Col de Grimone Col de la Croix Haute Mens La Mure Valbonnais Borug d'Oisans Alpe d'Huez Bourg d'Oisans Allemont Col de la Croix de Fer St Jean de Maurienne

5. Tag: La Chambre Col de la Madeleine Albertville Flumet Col d'Aravis St Jean de Sixt Thonon-les-Bains Montreux Bern Zürich

Sehenswürdigkeiten
Grand Canyon du Verdon: 21 km langer Canyon im Jurakalk, Strassen auf der Nord- und Südseite des Canyon, Rundfahrt ca. 100 km
Le Vercors: Schluchten, Höhlen und Grotten
Zahlreiche Schluchten und Pässe

Tom Simpson Memorial

Tom Simpson Memoria - zur Abfallgrube verkommen!

Pässe
Col de la Colombière 1'613 m, Col des Aravis 1'486 m, Col des Saisies 1'633 m, Col du Méraillet 1605 m, Cormet de Roselend 1'969 m, Col de l'Iséran 2'769 m, Col du Télégraphe 1'566 m, Col du Galibier 2'645 m , Col d'Izoard 2'361 m, Col de Vars 2'111 m, Cime del la Bonette 2'802 m, Col de la Couillole 1'678 m, Mont Ventoux 1'909 m, Col de Porte 1'326 m, Col de la Croix de Fer 2'067 m, Col de la Madeleine 2'000 m, Col de Grimone 1'318 m

Hotels (Juli 2013)
Bourg-St-Maurice: Relais de la Vanoise, Halbpension 86 Euro, 1 Person
Beuil: Escapade, Halbpension 112 Euro, 1 Person
Aurel: Relais du Mont Ventoux, Halbpension 70 Euro, 1 Person
St-Jean-de-Maurienne: Hôtel Restaurant de l'Europe, Zimmer 65 Euro, Tagesmenu ab 12 Euro

Reiseführer
Michelin Provence
Michelin Französische Alpen

Karten
Michelin 244, Rhône-Alpes, 1:200'000
Michelin 245, Provence Côte d'Azur, 1:200'000

 

Alpe d'Huez

17. Juli 2013: Alpe d'Huez

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Text und Bilder Robert Pfeffer
CH-8194 Hüntwangen
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