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Giro d'Italia

Touren


Durch halb Italien

  • "Zulle dorme!"

Sechs der zwanzig italienischen Regionen besuchte der Schreibende auf einem kurzen heftigen Trip in den Süden. In den ersten Junitagen befindet sich der Giro '98 auf den letzten Etappen. Der Schweizer Alex Zülle hat die Rundfahrt bereits verloren. Zu gross sein Rückstand um den gefeierten italienischen Star Pantani noch zu gefährden. Und es hatte doch alles so schön begonnen für den Schweizer! In jeder Bar wo ich eine Pause einlegte lachten siegesgewisse Pantani-Fans über das Los des Swizzero Zulle.

Bei der Raststätte Coldrerio vor Chiasso tankte ich voll, ging in den Kiosk, um zu zahlen und da regnete es doch tatsächlich als ich wieder raus kam. Regen, bereits am ersten Tag! So hatte ich mir Bella Italia nicht vorgestellt. "Ah, verdammter Mist! Wo sind Gottfried Stutz die Überziehgummihandschuhe?" Die sind natürlich im andern Tanksack auf der Yami zu Hause. Wer keinen Kopf hat bekommt halt nasse Hände.

In der Lombardei, zwischen Como und Mailand hört der Regen auf und es wird sonniger und wärmer, wie man es in Italien nicht anders erwartet. Die Umfahrung von Mailand kostet 6'000 Lire, also etwa fünf Franken. Ein bescheidenes Entgelt, wenn man bedenkt welch' gewaltiges Verkehrspuff du auf diese Weise elegant umschiffen kannst. Bei Modena mach' ich Schluss mit der Bahnfahrerei. Das macht dann nochmals 14'000 Lire und die Signorina am "Alt" (Zahlstelle) entlässt mich auf die Landstrassen der Emilia-Romagna. Die Region hat ihren Namen von der Römerstrasse Via Emilia, die Piacenza mit Rimini verbindet.

Modena ist umfahren, es geht zügig vorwärts. Nur, ich bin auf der falschen Landstrasse und habe nach all den vielen Autobahnkilometern Mühe mit den Kurven und Bögen. Reggio rückt immer näher und weit und breit kein Schild das den Weg nach Maranello weist. Die Ortsnamen die vorbeihuschen stehen nicht auf meinem Streckenplan der unter der Klarsichtfolie des Tanksacks steckt. Nach halbstündiger Irrfahrt finde ich Maranello dann doch noch. Die Durchfahrt ist langweilig, nicht ein einziger Ferrari kreuzt meinen Weg. Nichts deutet darauf hin, dass hier die Heimat der kostspieligen Boliden ist.

Serramazzoni, 18 kilometri. Die Ortsnamen zerfliessen auf der Zunge. Unter den Töffrädern fliesst die Landstrasse durch. Es ist später Nachmittag, die Hügel um den Monte Cimone rücken näher. Es gibt Kurven und noch mehr Kurven. Die drückende Hitze der Poebene weicht frischer Bergluft. Der Wintersportort Abetone liegt immerhin auf 1'380 m Höhe. Zwanzig Kilometer vor Pistoia übernachte ich in einem Albergo auf dem Passo d'Oppio. Der ist zwar nur 821 m hoch, lässt aber in Sachen Kurven keine Wünsche offen.

Auf dem Passio d'Oppio

Der Wirt hat einheimische Pilze auf der Karte. Der Gast muss sich zwischen Lasagne, Risotto oder Pizza al Funghi entscheiden. Aber zuerst heisst es Pilzsuppe löffeln. Beim Bier an der Bar preisen die Einheimischen ihren Helden Pantani während es draussen wieder zu regnen beginnt.

Gewitterstimmung auf dem Passo d'Oppio

Anderntags bin ich um halb neun Uhr beim Duomo in Florenz und parke den Töff im Schatten des Campanile. Der Dom ist noch geschlossen, erst eine Stunde später werden die Besucher eingelassen. Bei einem zahnlosen Gemüsehändler kaufe ich ein halbes Kilo frische Aprikosen, knipse ein paar Föteli und weiter geht's zum Piazzale Michelangiolo. Von diesem Platz, auf einem Hügel gelegen, hast du einen wunderbaren Blick auf die Stadt. Klar, dass hier die Busse kolonnenweise Touristen den Berg hochkarren. Unter der Statue des blutten Michelangiolo stauen sich die Schaulustigen, um sich von Freunden in Ferienstimmung ablichten zu lassen. Ist das nur Einbildung, oder sind es tatsächlich vor allem Damen die mit Vorliebe unter dem Michelangiolo posieren?

Florenz ist eine Kunststadt von solcher Bedeutung, dass du zur Besichtigung mehrere Tage brauchst. Nun, ich bin zum Töffahren hierher gekommen und fahre bald weiter. Südwärts ziehe ich meine Bahn über die sanften Hügel der südlichen Toskana, durchs Chianti-Land in Richtung Siena. Ab Siena wird der Weg gestreckter, flacher. Schnelle Kurven serienweise in allen möglichen Variationen. Von den zweihundert Kilometern zwischen Siena und Rom kannst du es etwa auf hundertfünfzig Kilometern laufen lassen wie kaum wo. Der Schwarzwald ist ja auch ganz schön, aber schon das Albtal mit seinen knapp dreissig Kilometern Länge ist dort etwas vom grössten. Die S2 führt von Siena in der Toskana an drei Seen vorbei ins Latium bis zur Umfahrung von Rom. Der nördlichste dieser Seen heisst Lago di Bolsena, er ist der grösste italienische See vulkanischen Ursprungs.

Nach Rom hinein will ich auf keinen Fall. Das nächste Ziel heisst Anzio, südlich von Rom an der Küste gelegen. Es ist einfach zu finden, indem du den Schildern zum Flughafen Leonardo da Vinci und Ostia folgst. Am Ende der Flughafenzufahrt steht unbeachtet ein mächtiges Denkmal. Es handelt sich um das Memorial für die dreizehn italienischen UNO-Piloten die im November 1961 während der Bürgerkriegswirren im Kongo ermordet wurden.

Zwischen fünf und halb sechs Uhr treffe ich in Anzio ein. Zwischen Anzio und Nettuno landeten die Allierten am 22. Januar 1944, um einen Brückenkopf zu errichten. Am 18. Mai eroberten sie Montecassino und am 4. Juni befreiten sie Rom. Dieser Ereignisse nahm sich in der Nachkriegszeit die Filmwelt an. Erwähnenswert sind "Anzio" von 1968 mit Stars wie Peter Falk, Robert Mitchum, Wolfgang Preiss, Robert Ryan, etc. und die "Grünen Teufel von Montecassino" von 1958 mit den deutschen Schauspielern Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke, Wolfgang Neuss und Wolfgang Preiss.

Anzio, Museum zur Landung der Allierten im Januar 1944

Glücklicherweise ist das kleine Museum das an die Landung erinnert noch offen. Ein alter Mann bittet mich herein. Es läuft gerade ein Film der US-Entertainer beim Truppenbesuch zeigt. Leider sind alle Objekte, Fotos und Dokumente im Museum nur in italienisch erklärt. Dabei hab ich noch nicht einmal ein Semester italienisch hinter mir. Zum Glück wird wenigstens ein zweisprachiger Führer angeboten.
Roy Jenkins schreibt in 'Churchill': ...
The Anzio landing, forty miles south of Rome, took place three days after Churchill's return from Marrakech. It was a success to the limited extent that the bridgehead was secured and not dislodged. ... The blame for imobilism fell mainly upon the American corps commander, General Lucas, but it may be that the difficulty of the terrain and the skill and tenacity of Kesselring's opposing generalship had at least as much to do with it. The Italien campaign was beginning to cost the attackers significantly greater resources than the defenders. ...

Strand bei Anzio/Nettuno

Anschliessend fahre ich in der Abendsonne dem Strand entlang durch Nettuno und weiter nach Terracina.

Erste Etappe des dritten Tages ist das Kloster Montecassino. Eine phantastische Strasse führt über acht Kilometer von Cassino zum Kloster hoch. Die Strasse bietet atemberaubende Aussicht auf die umliegende Gegend und sie erfüllt mindestens drei Zwecke: 1. Zufahrt zum Kloster für Heerscharen von Touristen. 2. Inoffizielle Rennstrecke für die Uno- und Alfa-Heizer der Umgebung. 3. Mondscheinparadies für Liebespaare. Hierzu stellen die verliebten Chauffeure ihre Macchina an einer schönen "aussichtsreichen" Stelle einfach an den Strassenrand.

Das Dorf Montecassino am Fuss des Berges

Das Kloster wurde im Jahre 529 vom heiligen Benedikt gegründet der hier die Benediktinerregel verfasste. Im 11. Jahrhundert galt es als das reichste Kloster der Welt. Seit seiner Gründung wurde das Kloster viermal zerstört. Deutsche Truppen zogen sich im Frühjahr 1944 beim Vormarsch der Allierten auf den Monte Cassino zurück. Bei den folgenden, äusserst schweren Kämpfen wurde die Abtei praktisch dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem Krieg wurde sie getreu den alten Bauplänen wieder aufgebaut. Ich wunderte mich, ob die Mönche wohl auch so mager sind wie die wilden Katzen rund ums Kloster.

Monte Cassino, das Kloster auf dem Berg

Roy Jenkins schreibt in 'Churchill': ... Meanwhile the central Allied thrust up the spine of southern Italy was unable to overcome the pivotal obstacle of Monte Cassino. Three unsuccessful offensives against that dominating monastery were launched between late January and and mid-March 1944. The casualties were considerable and the gains meagre. It was not until mid-May that the sanctuary of the Benedictine monks which inadvertently became one of the most formidable fortresses ot the entire war was overcome and the road up the Liri valley to Rome was opened. ...

Im Tal schiess' ich noch ein paar Fotis von der Abtei hoch oben auf dem Berg und dann ab nach Norden in die Abruzzen. Der Forca d'Acero im Parco Nazionale d'Abruzzo ist mit seinen 1'535 m Höhe der höchste Pass dieser Tour. Auf der Passhöhe steht eine grosse Tafel welche die Grenze zwischen den Regionen Latium und Abruzzen markiert. Der Nationalpark umfasst 40'000 ha, 2/3 der Fläche sind Wald. Hier sind noch - oder wieder - Königsadler, Braunbären, Luchse, Gemsen sowie Rotwild heimisch. Die Gegend ist wild, ja einsam. Kaum ein Auto auf der Strasse. Zehn Kilometer weiter folgt der Passo del Diavolo, mit 821 m Höhe nur noch gut die Hälfte des Acero. Nach dem Pass windet sich die Strasse in zahlreichen Serpentinen ins Tal hinunter, Celano zu, wo sie die Autobahn Avezzano-Pescara kreuzt.

Der Kurvenspass ist aber noch keineswegs zu Ende. Die Nebenstrasse S5bis bringt mich nach gut fünfzig Kilometern nach L'Aquila. Um die Mittagszeit lege ich einen halt im umbrischen Spóleto ein. Ein kaltes Cola und ein Panino stärken mich genügend um den Spott der lokalen Senioren in und vor der Bar zu ertragen. Sie haben nämlich gleich das ZH-Blech am Töff erkannt und rufen mir lachend zu "Zulle dorme!"

In die Abruzzen

Eine letzte Besichtigung steht noch auf dem Programm, Assisi wo der heilige Franziskus lebte und wirkte. Der Ort liegt auf dem Hang des Monte Subasio und bietet an einigen Stellen tolle Aussicht übers Tal. Kirchen, Piazzas und die Festung Rocca Maggiore aus dem 14. Jahrhundert sind dankbare "Touristentempel".

Irgendwie verpasste ich die Abzweigung nach Gubbio. Zwanzig Kilometer Irrfahrt durch einige Dörfer strandeten mich auf der Schnellstrasse nach Siena. Der am Weg liegende Lago Trasimeno ist ja auch ganz schön. Soll ich nochmals übernachten oder es in Richtung Heimat fliegen lassen? Etwa um fünf Uhr bin ich auf der Umfahrung von Florenz. Aus heiterem Himmel geht ein höllisches Gewitter los. Sintflutartiger Regen und Hagel lässt es mich den italienischen Töfflern gleichtun: Im erstbesten Tunnel wird angehalten und gewartet. Gore-Tex und dergleichen scheinen hier noch nicht so bekannt zu sein. Vor und hinter mir schlottern Biker in trendigen Turnschuhen und seichnassen Jeans. Leid tun mir nur die Sozias. Vor mir hat eine Harley gehalten. Die Sozia windet ihr modisches blaues Wolljäckchen in die Gosse aus. Ihre Nikes sind vollgelaufen mit Wasser und quietschen, wenn sie auf und ab geht. Der lächerliche Chopperhelm schützt weder Gesicht noch Frisur. Man muss halt leiden können, Hauptsache man ist in. Des einen Leid, des andern Freud. Zwei, drei Azzurri wittern ihre Chance im Unwetter und parken im allgemeinen Chaos ihre Fiats auch noch bei den Töffs. Was denkt ihr, aus welchem Grunde wohl? Könnte ja sein, dass eine der durchnässten Sozias die Nase voll hat vom Töffahren und liebend gerne in ein geheiztes Auto umsteigen möchte. Meine Hochachtung! In diesem Tunnel wollte keine umsteigen.

Der Abschnitt Florenz-Bologna ist ein tolles Stück Autobahn. Da kommt nie Langeweile auf. Ein langezogener Bogen folgt am andern, und immer in herrlicher Landschaft. Aber eben, es sollte halt trocken sein. Bis Chiasso waren sicher ein Dutzend Gewitterfronten zu durchqueren. Ausgerechnet auf der Umfahrung Mailands öffnete Petrus derart die Schleusen, dass ich auf dem Pannenstreifen anhalten musste, um Brille und Visier zu trocknen damit ich die Wegweiser lesen konnte. Abends um neun wäre es sonst noch hell gewesen.

Um drei Uhr morgens bin ich zu Hause in Bülach/ZH. Durchnässt aber glücklich. Von wegen Gore-Tex: das Zeug mag ja dicht sein, wenn es neu ist ...

Touren-Info
Distanz, Dauer: 2'500 km ab Zürich, 4 Tage
Benzin: Bleifrei 95: 1'770 L/Liter
Währung: 1'000 Lire = SFR 0.84

Strecke
Zürich Gotthard Lugano Milano Modena Maranello Pievepelago Abetone San-Marcello Passo-di-Oppio Pistoia Firenze Strade-in-Chianti Greve-in-Chianti Siena San-Quirico Orcia Lago-di-Bolsena Viterbo Roma Lido-di-Ostia Anzio Nettuno Terracina Gaeta Cassino Montecassino Sora Forca-d'Acero Pescasseroli Passo-del-Diavolo Pescina Celano L'Aquila Antrodoco Rieti Spóleto Foligno Assisi Perugia Firenze Bologna Milano Lugano Zürich

Sehenswürdigkeiten
Firenze: Dom, Piazza della Signoria, Ponte Vecchio, Piazzale Michelangiolo, u.v.m.
Siena: Dom, Piazza del Campo
Roma: Kolosseum, Petersplatz, Vatikanische Museen, u.v.m.
Anzio: Strand, Soldatenfriedhöfe, Museum zur Landung der Allierten am 22.1.1944
Nettuno: Strand, Soldatenfriedhöfe
Montecassino: Abtei auf dem Gipfel des Monte Cassino, Polnischer Soldatenfriedhof
Assisi: Stadt auf dem Berghang des Monte Subasio, Basilika des San Francesco, Festung Rocca Maggiore
Perugia: Piazza 4 Novembre

Reiseführer
Michelin Italien

Karten
Michelin Nr. 428, 429, 430; 1:400'000


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Text und Bilder Robert Pfeffer
CH-8180 Bülach

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